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Ich möchte Euch von meinem Land erzählen

7. Oktober 2010

Ich möchte Euch von meinem Land erzählen ... An meinem 37. Geburtstag heute vor genau 20 Jahren bin ich zum ersten Mal in Rumänien angekommen. In einem schäbigen Hotelzimmer in Temeschwar habe ich gemeinsam mit meinem Mann und den Fahrern eines Hilfskonvois zwei Flaschen Sekt geköpft und aus Plastikbechern getrunken.

Hotel

Kronleuchter in einem Hotelzimmer

 

Durch einen verrückten Zufall waren wir in Rumänien gelandet. Kurzentschlossen wollten wir in den Herbstferien 1990 mal „einfach so“ nach Polen. Doch das Visaverfahren hätte länger gedauert als die Ferien. Ein netter Bekannter, Einsatzleiter eine Hilfsorganisation, hatte die zündende Idee: „ Ihr habt doch einen Ford Transit und wir brauchen für den nächsten Konvoi nach Rumänien in das Kinderheim von Temeschwar noch Fahrer und Autos. Innerhalb von fünf Tagen hatten wir die nötigen Visa, ein vollgeladenes Auto und sind in der folgenden Nacht über Berlin durch die unbeleuchtete Ex-DDR gefahren. Morgens um sechs waren wir in der Nähe von Prag, am späten Abend in Budapest. Am darauffolgenden Nachmittag hatten wir die Grenze zu Rumänien erreicht: Eine mindestens drei km lange Schlange wartender Autos. Ich war ganz sicher, dass es noch Stunden, wenn nicht sogar bis in die Nacht hinein dauern würde, bis wir diese Grenze endlich hinter uns hätten. Aber die Fahrer der Hilfstransporte kannten das Prozedere schon und hatten alles Nötige zur Beschleunigung dabei: Westzigaretten für die Herren, Damenstrumpfhosen verschied. Größen für die Gattinen, Plüschtiere und Süßigkeiten für die lieben Kleinen, ach ja und Kaffee für die Familien. Eine Stunde später durften wir mit eingeschaltetem Blaulicht im Konvoi an der Schlange vorbei fahren.

Eigentlich schade, denn ich hatte gerade begonnen, mir die Autos und die fröhlich picknickenden Menschen daneben anzusehen. Doch es ging weiter. Waren die ungarischen Straßen schon nicht gerade in gutem Zustand, so waren die rumänischen Straßen teilweise überhaupt nicht da. In bis zu einem halben Meter tiefen und eine halbe Straßenbreite umfassenden Schlaglöchern waren sie schlichtweg im Erdboden verschwunden. Einzig ein paar trockene Äste dienten als Markierung, dass dort ein Loch war!!! Schlimm war das nicht, denn Autos fuhren nur sehr wenige, und das Hauptverkehrsmittel „Carutza“, der Pferdewagen, war langsam genug. Selbst wenn der Wagenführer schlafend auf seiner Carutza lag, die Pferde kannten den Weg.

Die etwa dreistündige Fahrt vom Grenzübergang Arad bis Temeschwar hat mein Leben entscheidend beeinflusst. Ich hatte ein Déjà-Vu Erlebnis nach dem anderen. Alles kam mir unglaublich vertraut vor: das Federvieh lief frei auf den Straßen herum, Kühe wurden von alten Frauen an der Leine zum Gras geführt, Pferde, Ziegen und Schafe grasten im „Vorgarten“. Woher ich das "kannte"? Schemenhaft erinnere ich mich an ein altes Zechenhäuschen mit Gemüsegarten in Castrop-Rauxel, meine Cousins und Cousinen habe ich dort in früher Kindheit öfter besucht. Für mich als Einzelkind in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt lebend, war das das Paradies. Am Straßenrand standen Menschen, die uns zuwinkten, die Kinder rannten auf die Straßen zu unseren Fahrzeugen und die gestressten Fahrer, allesamt Familienväter, die hier ehrenamtlich unterwegs waren, konnten einfach nicht anders: wie Karnevalsprinzen warfen sie Süßigkeiten aus den Autos. Ich fand das sehr zwiespältig. Die Kinder freuten sich riesig. ..... Im Laufe des abends wurden wir alberner, als es eigentlich von dem bisschen Sekt möglich war. Es war vielleicht die Erleichterung, endlich am Zielort angekommen zu sein, aber sicherlich auch die Angst vor dem, was morgen auf uns zukommen würde. Ich hatte soviele schlimme Berichte über die Zustände in den rumänischen Kinderheimen im Fernsehen gesehen. Ein wütender Hotelgast im Zimmer unter uns beendete die Feier mit seinem lauten Geschimpfe, von dem wir zwar kein Wort verstanden, aber trotzdem wussten war er meinte.

 

Bad

Hotelbad

Am darauffolgenden Tag begann die Arbeit, mein Job war es, Bilder von den Zuständen vor Ort zu machen, während die Männer die Wagen ausluden.Doch vorher gab es noch eine Lektion „rumänisch“: Lauwarmer Nescafé zum Frühstück, dann die Begrüßung durch den Domnul Director des Kinderheims und seine Mitarbeiter - oder eher seine Untergebenen. Dass man als Frau einen Handkuss - sarut mâine - zur Begrüßung bekommt, kannte ich nur aus alten österreichischen Filmen mit Hans Moser oder so. Plötzlich und unerwartet passierte es MIR. Gott war mir das peinlich. Und die deutschen Fahrer griensten breit, während ich mein Bedürfnis unterdrückte mir den Handrücken an der Hose abzuwischen.

 

Bilder wie die nun folgenden sollte ich in den nächsten eineinhalb Wochen noch viel zu oft sehen müssen.

Psychiatrisches Krankenhaus in Sighetul Marmatiei, einer Stadt im Norden des Landes.

Sighet

 

Sighet

 

Sighet

 

Sighet

 

Sighet

 

Sighet

Ich habe nicht alles aufgenommen - nicht die splitterfasernackten Männer, die schreiend durch die Räume liefen, die wimmernden Kinder, den Gestank und Lärm, das Husten, Röcheln, Fluchen und Würgen ... eine Frau wollte mich ohrfeigen, ich konnte sie so gut verstehen.

Eine Stunde später waren wir inmitten einer wunderschönen archaisch anmutenden Landschaft, der Maramuresch.

Maramures

 

Maramures

 

Maramures

 

 

Maramures

 

Maramures

 

Maramures

 

Maramures

 

Die Fotos aus der Maramuresch sind alle 2007 aufegnommen. Man könnte fast sagen, dort sei die Zeit stehe geblieben, gäbe es nicht die Autos, Satellittenantennen und Jugendliche mit Handys.

Maramures

 

Maramures

 

Maramures

 

 

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