Incanjús Tagebuch
Tierheim Miercurea Ciuc, Rumänien, 11. August 2010
Neben anderen Tätigkeiten, beschäftige ich mich immer wieder mit Inca. Sie wirkt so traurig und lustlos. Ich untersuche sie, ob sie evtl. Schmerzen hat, kann aber nichts finden.
Nachmittags sollen sich Inca, Sheila und Shahri kennenlernen. Wir hieven die reichlich vollschlanke Dame zu mir in den Fußraum des Beifahrersitzes, aus der Hundebox kommt von hinten Sheilas ärgerliches Knurren. 10 km weiter in einem schönen Wiesengelände mit Bach wollen wir die Hunde freilassen, damit sie sich beschnuppern. Leider regnet es, als wir ankommen. Das hätte nun nicht sein müssen. Die Aussies wollen raus, toben, rennen, fangen spielen, egal bei welchem Wetter. Inca darf auch raus mit Geschirr und Schleppleine. Sie schaut sich um, beschnüffelt die Luft, die Wiese und lebt sichtbar auf.

Die Aussies sind definitiv nicht an ihr interessiert, auch sie wendet sich lieber einem Einheimischen zu, einem großen Herdenschutzrüden, der mit unserer Anwesenheit nicht einverstanden ist. Die beiden begrüßen sich. Gegen drei Hündinnen hat er nichts einzuwenden, sie dürfen weiterspielen, solange sie seine Schafe nicht ärgern.

In diesem Moment wird mir klar, dass auch Inca wenigstens äußerlich mit den hier weit verbreiteten Herdenschutzhunden verwandt ist. Sie stapft vergnügt los, ich folge ihr, da ich wissen will, wohin es sie zieht. Möchte sie am liebsten hier bleiben? Gehört sie hier hin? Es ist ihr Land. Leider weiss ich nicht mehr von ihr. Aber Inca ist eher ziellos, und kommt angelaufen, als ich sie rufe. Ich bin völlig erstaunt!! Großes Lob an Inca!
Anschließend läuft sie weiterhin hinter oder neben mir her. Auf jeden Fall ist sie ein ganz anderer Hund als im Tierheim. Dabei hat sie dort einen der Sonnenplätze: sie darf relativ frei am Haus leben, ohne Kette oder Zwinger, und kann sich frei bewegen. Aber das hier ist die richtige Welt. Leider muss ich sie für die Nacht wieder ins Tierheim bringen. Sie kriecht sofort wieder unter das Autowrack.
Miercurea, 12. August 2010
Am nächsten Morgen kommt sie kurz aus ihrem Versteck, um mich zu begrüßen. Auf die dann folgende Behandlung mit Frontline Spray reagiert sie sehr beleidigt, und ist wieder verschwunden. Gegen 11 h darf sie dann endlich mit uns abreisen. Zuerst ist sie im Auto ziemlich nervös und will immer auf meinen Schoß klettern, um zu sehen, was draussen passiert. Nach einiger Zeit fügt sie sich in ihr Schicksal und bleibt im Fußraum. So verbringt sie die fast fünfstündige Fahrt bis Sibiu.

Ich bin so froh, dass alles problemlos verläuft, wir übernachten in Saliste auf einem Campingplatz und fahren morgen weiter nach Arieseni, auf eine wunderschöne Bergwiese, um noch etwas zu entspannen. Menschen und Hunde.
Arieseni, 14. August 2010
Gestern Abend sind wir angekommen, haben das Zelt aufgeschlagen und das Campfeuer angezündet. Erstaunlicherweise kam sie recht nah ans Feuer, legte sich dazu: so muss es sein. Und zum ersten Mal höre ich, dass sie bellen kann. Gemeinsam mit Sheila und Shahri verteidigt sie unsere Wiese gegen "Eindringlinge", obwohl das eigentlich unnötig war.
Heute morgen habe ich mit den drei Hunden einen ersten kurzen Spaziergang gemacht. Inca war an der Leine sehr traurig und lief mit hängendem Kopf neben mir her. Was wäre, wenn sie mir hier abhaut? Wahrscheinlich nicht einmal der schlechteste Ort. Kann sie sich in diesen Karpatenwäldern hier durchbringen und den strengen Winter überleben. Wie hat sie das überhaupt in Miercurea geschafft? - Oder findet sie einen Platz auf einem der Bergbauernhöfe hier? Ich könnte Doru, auf dessen Wiese wir campen, bitten sie aufzunehmen. Gehört diese Hündin überhaupt in ein Haus in der Stadt? Zweifel kommen auf, ob das was ich hier mache, überhaupt richtig ist. Herdenschutzhunde gehören zu einer Herde und nicht in ein Stadthaus.
Ich lasse sie los, die Leine im Schlepp. Inca rennt ein paar Schritte vorwärts, bleibt stehen, schaut sich zu mir um: wo bleibst du denn. Ich laufe ihr nach und wir gehen Seite an Seite zusammen weiter. Bleibt sie zurück, warte ich und rufe sie leise. - Ja, ja, ich komme gleich. Das passt!!
Nach dem Spaziergang wirkt sie schon viel glücklicher. Am Camp angekommen legt sie sich zufrieden in den Schatten. Ich bürste sie, sie mag es. Alles fühlt sich so richtig an!


Nur das Fotografieren verunsichert sie noch, aber da muss sie durch ...

Arieseni, 15. August
Sie ist heute bergauf und bergab soviel gelaufen, wie in den letzten Monaten nicht - vermute ich. Aber Inca wirkt zufrieden. Sheila hat ihr inzwischen unmissverständlich die Ragnordnung dargelegt, auch damit ist Inca zufrieden. Shahri ist das Ganze wurscht, solange sie ihren Futter- Kuschelanteil abbekommt.



Ein allererstes Gruppenfoto

Bisher habe ich ein gutes Gefühl, Inca ist sehr ruhig und etwas zurückgezogen, manchmal sind ihr die Aussies schlicht zu wild, das Rennen und Toben ist nicht ihr Ding, warum auch sollte man hinter einem ungenießbaren Ball her laufen? Vielleicht spielt man als fast acht-jährige Straßenhündin einfach nicht mehr? Als Geburtstag ist der 01.12.2002 angegeben. Ansonsten steht im Ausweis: Inca, Dog, Female Castrated, White Brown; das ist ihre Identität. Mehr weiss ich auch nicht über sie.
Sie ist eine wunderbare, liebenswerte Hündin, ich nenne sie INCANJÚ. Morgen machen wir uns auf den Weg nach Deutschland.