Straßenhunde in Rumänien Homepage

Incanjús Tagebuch 2010

Was bedeutet es, eine Straßenhündin zu sein?
Man könnte meinen: ein freies selbstbestimmtes Hundeleben. Herumstreunen oder faul in der Sonne dösen. Das mag stimmen, aber nur, wenn der Hund regelmäßig Futter findet und immer wieder einen sicheren, trockenen Schlafplatz erobern kann. Der Winter in Rumänien ist sehr kalt und sehr lang. Die Konkurrenz ist zahlreich und sucht genau dasselbe. Wo findet die Straßenhündin zweimal im Jahr einen sicheres Versteck, um ihre Welpen zur Welt zu bringen? Wie findet sie genug Futter für sich und die Babies? Die Welpensterblichkeit ist enorm hoch, wie verkraftet die Hündin das? Infektionskrankheiten bedrohen die jungen Hunde, sie sterben sehr qualvoll. Zu alldem kommen die Gefahren durch den Straßenverkehr, Hundefänger, menschliche Grausamkeiten und die Rivalitäten unter den Artgenossen.

Incanjú wurde im geschätzten Alter von 8 Jahren auf der vielbefahrenen Hauptstraße aufgelesen, die sie tagein tagaus mit ihrem Welpen entlangwanderte, immer auf der Suche nach irgendetwas Fressbarem. Eine rumänische Tierfreundin brachte die schwer kranke, ausgemergelte Hündin gemeinsam mit dem etwa 6 Wochen alten Welpen ins Tierheim. Beide waren voller Parasiten und halb verhungert. Inca litt zudem an einem Stickersarkom, Anjú der Welpe bekam Parvovirose. Beide konnten nur mit menschlicher Hilfe überleben.

Seit August 2010 lebt Incanjú aus Miercurea bei mir, genießt das regelmäßige Futter, ihr trockenes, sicheres Hundebett und Streicheleinheiten. Raus gehen wenn es regnet und stürmt, das muss nicht sein, das hatte sie früher oft genug. Sie verlangt nicht viel, sie ist einfach da, froh von der Last ihres früheren Lebens befreit zu sein. In ihren manchmal lautstarken Träumen verarbeitet sie ihr altes Leben und erzählt mir davon.

Auch Anjú lebt inzwischen bei einer netten Familie und ist zu einem tollen Hund herangewachsen, die Strapazen, die ihre Mutter durchgemacht hat, muss sie nicht erleben.

 

Tierheim Miercurea Ciuc, Rumänien, 7. April 2010

Heute ist mein Abreisetag, am Abend geht mein Zug nach Bukarest. Gegen Mittag bringt Loredana eine völlig erschöpfte und abgemagerte Hündin mit einem Welpen von der Straße ins Tierheim.

Inca und Anjù

 

Vor kaum einer Stunde war ein kleiner Zwinger freigeworden, in dem ein anderer Hund trotz intensiver Bemühungen seinen Bisswunden erlegen war. Kurz wurde der Zwinger gesäubert und mit Mutterhündin und Welpe neu belegt. Wir schätzen die Hündin auf mindestens 10 Jahre, den Welpen auf etwa 6 Wochen. Ich mag die beiden auf Anhieb und setze mich zu den beiden in den Zwinger, um sie zu beruhigen.

Inca

Dabei entdecke ich ein seltsam stinkendes kugeliges Gebilde, das der Hündin aus der Scheide hängt, im ersten Augenblick denke ich an einen ungeborenen toten Welpen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Gebilde als eine Geschwulst. Meli tippt auf ein Stickersarkom, (womit sie teilweise recht hatte). Ein Stickersarkom ist eine ansteckende Krebsgeschwulst an den männlichen und weiblichen Genitalien, die bei Hunden durch den Deckakt übertragen wird. Diese Geschwulst kann sich selbst zurückbilden, oder - aber eher selten - Metastasen bilden.

 

Inca

 

Die Hündin ist zutraulich und lässt sich gerne streicheln, ihr Blick trifft mich ganz tief. Ich nehme den Welpen auf den Schoß und kraule das kleine Tier.

Anju

 

Anju

Irgendjemand hat dem Tierchen ein Ohr abgeschnitten, das wird in Rumänien auf dem Land oft gemacht, um anzuzeigen, dass der Hund einen Besitzer hat.

 

Anju

 

Ich nenne die Mutter "Inca" und das Baby "Anjú".

Nach einer großen Dose Hundefutter, einer ersten Entwurmung und Behandlung mit Frontline Spray sahen beide am Abend schon ein wenig zufriedener aus. Sie können sich endlich ausruhen. Welche Überlebenschancen haben diese beiden wohl?

Inca und Anjú

Ich wünsche mir so sehr, dass sie es schaffen, dass aus Anjú ein fröhlicher Welpe werden kann und dass Inca stark genug sein wird, die Krebs-OP samt Kastration und Chemotherapie zu überstehen. Dann wird sie auf jeden Fall erstmal bei mir einziehen können.

12. Juni 2010. Inca wurde inzwischen operiert, das Sticker Sarkom entfernt und die Hündin nachbehandelt. Bisher hat sie alles gut überstanden. Anjú war zwischendurch totkrank (Parvovirose), es wurde schon darüber nachgedacht, sie einzuschläfern, doch sie hat es gerade noch geschafft und entwickelt sich zu einem kräftigen frechen Junghund.

Und das Beste für Anjú ist: sie hat schon ein neues Zuhause gefunden und darf mit dem nächsten Transport schon nach Deutschland kommen. Einerseits freue ich mich riesig für sie, andererseits bin ich ein wenig traurig, dass ich sie nun nicht mehr sehen werde, wenn ich im August nach Miercurea fahre, um Inca abzuholen.

Anjú bei ihrer Ankunft in Dreieich. Fotos von Carol Schäfer

Anju

 

Anju

 

11. August 2010

Heute sehe ich Inca zum ersten Mal seit April wieder. Es ist sehr heiß und sie liegt im Schatten unter einem alten Autowrack. Wie oft habe ich in den letzten Wochen darüber nachgedacht, wie es wohl sein mag: natürlich habe ich nicht erwartet, dass sie mich noch erkennt, aber etwas fröhlicher hatte ich sie mir vorgestellt. Wenn sie mir gemeinsam mit den anderen Hunden laut kläffend entgegen gekommen wäre, hätte ich es "normaler" gefunden. Doch Inca bleibt unter diesem Auto liegen, sie will mit dem Gewusel und dem Lärm der anderen Hunde nichts zu tun haben. Nur zum Fressen kommt sie hervor aus ihrem Versteck. Aber sie ist inzwischen richtig hübsch geworden. Danke Meli, dass du so gut für sie gesorgt hast!

 

inca

 

inca

 

Entsprechend pummelig ist sie auch geworden. Fressen und schlafen, das ist ihr Leben. Zum Glück ist sie sehr bestechlich, und ich habe ein paar feine Leckerchen mitgebracht. Damit locke ich sie, lege ihr ein Halsband um und kraule sie ausgiebig. Das gefällt ihr.

 

Inca

Doch sobald ich aufhöre und nichts zu knabbern mehr habe, verschwindet sie wieder in ihr Refugium.

 

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